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Ludwik Fleck
Denkstiltheorie
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Zur
Theorie der Denkstile und Denkkollektive von Ludwik Fleck
von Roland Brühe und Sabine Theis [0]
Flecks
wissenschaftstheoretische Auseinandersetzungen kreisen um die
Frage, was eine Tatsache ist, wie sie entsteht und wer für ihre
Existenz verantwortlich ist. Dabei macht er sich seine Gedanken
als Mediziner. Er sieht, dass bei der Betrachtung von
Krankheitsbildern die Zeit einen wesentlichen, zu betrachtenden
Faktor darstellt. So ist der menschliche Körper ein Organismus,
der sich im Laufe der Zeit verändert. Gleichsam haben Krankheiten
einen Anfang, durchlaufen Veränderungen in der Zeit und führen
so zu unterschiedlichen klinischen Ausprägungen. Das Eingreifen
durch die Medizin verändert diese Prozesse wiederum. Somit ist
das Beschreiben eines Krankheitsbildes abhängig vom Zeitpunkt des
Betrachtens sowie von der Auswahl der Kriterien, die die
beschreibende Person für wesentlich hält. Fleck spricht hier vom
„Gestaltsehen“. Die Aspekte, auf die sich ein Betrachter stützt,
stellen eine Auswahl einer immensen Zahl von möglichen Aspekten
dar. So beschreibt Fleck das Mikroskop als ein Produkt, das eine
solche Aspektauswahl manifestiert, da es nur begrenzte
Betrachtungsmöglichkeiten zulässt. Es ist aus einer bestimmten
Denkweise heraus entstanden, die nur diese und nicht jene
Beobachtungskriterien als wesentlich erachtet.
Fleck spricht dabei von einem stilgerechten Sehen, ein Sehen, das
aus einem spezifischen Denkstil entsteht. Ein Denkstil ist somit
„als gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und
sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen“
zu definieren. Mit diesen Gedanken widerspricht Fleck einer
Sichtweise, die Tatsachen oder Entdeckungen als ein Produkt
logisch zusammengesetzten Teilwissens betrachtet. Gleichzeitig führt
dies dazu, dass es keine absolute Wahrheit geben kann, sie ist
vielmehr immer relativ. Die Wahrheit ist abhängig von denjenigen,
die aus einem bestimmten Denkstil heraus etwas sehen und aussagen.
Fleck kann somit als ein Wegbereiter des konstruktivistischen
Denkens in der Wissenschaftstheorie bezeichnet werden .
Anhand
mehrerer Beispiele legt Fleck dar, dass Begriffe durch sog.
Urideen (oder Präideen) geprägt sind. Diese sind historisch
gewachsene Ansichten oder Phänomenbeschreibungen, die auf
aktuelle Begriffsbestimmungen Einfluss haben. So integriert die
Entwicklung der Wassermann-Reaktion zur Diagnose der Syphilis die
Sichtweise des „verunreinigten Blutes“ der Syphilitiker aus
der „Säftelehre“ und den Aspekt der Sündhaftigkeit des
Geschlechtsverkehrs („Lustseuche“). Urideen sind nicht
bewusst, prägen aber Entwicklungen, wie sie in der Wissenschaft
geschehen. Ein weiterer beeinflussender Faktor ist das
Wissensspektrum einer Denkgemeinschaft. Fleck spricht hier von
einem „Denkkollektiv“ als einer „Gemeinschaft der Menschen,
die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung
stehen“.
Er stellt fest, dass Entdeckungen auf dem Tatsachenfundus beruhen,
den ein bestimmter Denkstil in einem Denkkollektiv im Laufe seiner
Existenz angesammelt hat. Das Denkkollektiv ist somit „Träger
geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten
Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen
Denkstiles“.
Ein Forscher entdeckt in diesem Sinne nicht etwas Neues, sondern
reorganisiert das vorhandene Wissen. Dieses ist möglich durch den
Denkverkehr innerhalb eines Denkkollektivs. Entdeckungen sind für
eine Einzelperson damit unmöglich, sie können nur in
Gemeinschaft entstehen. Dabei muss es sich nicht um die körperliche
Nähe verschiedener Mitglieder eines Denkkollektivs handeln, der
Denkverkehr ist auch über andere Kommunikationswege möglich
(verbal, schriftlich). In diesem Sinne ist nicht ein bestimmter
Mensch für eine Entdeckung verantwortlich, sondern ein
Denkkollektiv. Durch diese Aussagen führt Fleck in die
Erkenntnistheorie das historische und soziologische Element ein.
Das
Konzept des Denkkollektivs als Sammelbecken für Menschen mit
einem bestimmten Denkstil bildet den soziologischen Kern der
Fleckschen Theorie. Fleck bezieht dieses Konzept nicht nur auf
Wissenschaften (wie es Thomas S. Kuhn in seiner Paradigmentheorie
tut )
sondern auch auf die Alltagswelt. Jeder Mensch „gehört eben
mehreren Denkkollektiven an“ .
Dies kann z.B. ein naturwissenschaftliches und gleichzeitig ein
religiöses sein. Mit dieser Aussage macht Fleck die Dimension
seiner Theorie deutlich. Sie bezieht sich auf sämtliches von
Menschen generiertes und von ihnen als Wahrheit akzeptiertes
Wissen. Gleichzeitig wird damit deutlich, wie „neues Wissen“
entstehen kann, nämlich durch den Kontakt von Begrifflichkeiten
verschiedener Denkstile. Selbst wenn Angehörige verschiedener
Denkstile den gleichen Begriff gebrauchen, wird die Konnotation
jeweils unterschiedlich sein (auch bei einer gemeinsamen
Denotation). Gemeinsam wird über einen Aspekt gesprochen, dabei
entstehen jedoch „Missverständnisse“, da durch das stilgemäße
Gestaltsehen die Nuancen des Verständnisses jeweils
unterschiedlich sind. Zudem ist es selbst beim Gespräch von Angehörigen
desselben Denkkollektivs möglich, dass sich die Bedeutung eines
Begriffs unmerklich verschiebt. Diese Missverständnisse und
Begriffsverschiebungen sind von Bedeutung für das
Weiterentwickeln von Gedanken, wie unten noch dargestellt werden
soll.
Denkkollektive
weisen eine bestimmte Organisationsstruktur auf. Fleck
unterscheidet einen esoterischen (inneren) und einen exoterischen
(äußeren) Kreis. Dabei entspricht der esoterische Kreis der
Elite eines Denkkollektivs. Dies sind die „Eingeweihten“, die
für das Fortentwickeln des Wissensbestandes durch Diskussion und
Veröffentlichungen von Bedeutung sind. Entsprechend gehören
relativ wenige Personen diesem Kreis an. Im Gegensatz dazu bildet
die Mehrheit eines Denkkollektivs den exoterischen Kreis. Hierzu
gehören die Laien und die MitläuferInnen. Sie haben ihre
Bedeutung in der Annahme des vom esoterischen Kreis veröffentlichten
Wissens und in dessen Bewertung. Fleck bringt mehrere Beispiele für
die Organisiertheit verschiedener Denkkollektive, z.B. des
wissenschaftlichen
oder des Modedenkkollektivs .
Denkkollektive
können von unterschiedlicher Beständigkeit sein (zeitweilig oder
beständig).
Ihre Größe
kann ebenfalls variieren, wobei es ein kleines Kollektiv nie zu
einer solchen Größe wie z.B. die „Denkgesellschaft der
Naturwissenschaftler“ bringen kann. Auf der anderen Seite kann
„die Größe eines Kollektivs jedoch zur Ursache seines
Zerfalls“ werden aufgrund einer „Differenzierung in einige
kleinere Kollektive“ .
Beständige Denkkollektive weisen daneben ein Streben nach
Abgrenzung auf. Durch Gewohnheiten und Statuten wird die Aufnahme
in ein Denkkollektiv zu etwas Besonderem erklärt, besondere
Begriffe eines Denkkollektivs grenzen zu anderen ab. Von Bedeutung
ist dabei, dass zur Aufnahme in ein Denkkollektiv und damit zur
Entwicklung eines spezifischen Denkstiles eine „Lehrlingszeit“
notwendig ist, die weniger durch rationale Erläuterungen geprägt
ist als vielmehr durch das „Hineinwachsen“ in ein bestimmtes
Denken, das durch „eine teils historische, teils anekdotische
und dogmatische ‚Einführung’“
ermöglicht wird.
Ludwik
Fleck beginnt das Vorwort seiner Monographie mit der Frage: „Was
ist eine Tatsache?“ Als Tatsache sieht er jenes Wissen, das für
einen Denkstil unumstößliche Wahrheit bedeutet. Tatsachen
stellen „passive Kopplungen“ innerhalb eines Denkkollektivs
dar. Sie bringen keine Unruhe in ein Denkkollektiv hinein sondern
werden als gegeben und unumstößlich hingenommen. Dagegen sind
alle Annahmen und Vermutungen eines Denkkollektivs aktive
Kopplungen. Sie müssen diskutiert werden. Es ist das Bestreben
eines Denkstils, aktive Kopplungen zu minimieren und sie zu
passiven werden zu lassen.
Jedoch werden mit jeder neuen Tatsache neue Fragen aufgeworfen.
Kurz: Dies stellt den Denkverkehr innerhalb eines Denkkollektivs
dar und ermöglicht die Weiterentwicklung des Wissens.
„Wahrheit“ ist somit nicht etwas unabhängig Existierendes
sondern ein Prozess, der nie abgeschlossen ist und – wie oben
aufgezeigt wurde – historisch und sozial bedingt ist. Einen
wesentlichen Bestandteil dieses sozialen Prozesses stellt die sog.
Beharrungstendenz sozialer Systeme dar. Es ist nicht so, dass
jeder neue Gedanke (jede aktive Kopplung) im Denkkollektiv begrüßt
wird. Ein Denkkollektiv ist bestrebt, Unruhe zu vermeiden.
Die Beharrungstendenz stellt dabei kein passives Geschehen dar,
sondern ist vielmehr ein aktiver Prozess.
Wird
z.B. durch ein Mitglied des Denkkollektivs B ein Thema mit einem
Angehörigen des Denkkollektivs A besprochen, wird dieser die
Themenaspekte aus seiner spezifischen, stilgemäßen Wahrnehmung
heraus deuten. Gleichzeitig verschiebt sich sein Verständnis des
Themas aber unmerklich. Mit diesem veränderten Verständnis tritt
er nun in Kontakt mit anderen Mitgliedern des Denkkollektivs A. Im
Gespräch oder in der Diskussion bewirkt die Beharrungstendenz nun
spezifische Stadien
des Umganges mit diesem nicht stilgerechten Gedanken:
-
Ein
Widerspruch gegen das System (Denkstil) scheint undenkbar.
-
Was
nicht in das System passt, wird nicht gesehen, verschwiegen
oder einfach als passend erklärt.
-
Der
neue Gedanken wird zur Apotheose oder wird karikiert.
-
Der
Gedanke wird assimiliert und trägt – mit neuer,
denkstilgerechter Bedeutung – zur Bereicherung und
Befruchtung des Denkstils bei.
Somit
wird aus einem ursprünglichen Gedanken, der aus dem Kontakt von
Angehörigen verschiedener Denkstile entstanden ist,
ein neuer Gedanke, der in das System des Denkstils A aufgenommen
werden kann. Dieser Kreislauf eines Gedankens ist „grundsätzlich
immer mit dessen Umgestaltung verbunden“.
So wird der neue Gedanke z.B. in einem wissenschaftlichen
Denkkollektiv zunächst im esoterischen Kreis mittels
Zeitschriftenveröffentlichungen diskutiert. Durch das „populäre
Buch“ erhält der exoterische Kreis Kenntnis von dem neuen
Gedanken. Hier wird der Gedanke weiter bewegt. Der esoterische
Kreis erhält entsprechende Rückmeldungen. Durch diesen
Gedankenzyklus wird vor dem Hintergrund des bestehenden stilgemäßen
Gedankengutes, durch die stilgemäße Wahrnehmung der
Denkkollektivangehörigen und der Wirkung der Beharrungstendenz
ein Assimilationsprozess ermöglicht (oder das Verwerfen des neuen
Gedankens). Ziel dieses Prozesses ist es, eine passive Kopplung
entstehen zu lassen, wobei der Ursprung des Gedankens
entpersonalisiert und nicht mehr mit einem Individuum in
Verbindung gebracht wird.
In einer Wissenschaft kann der Gedanke nun Einzug in ein Lehrbuch
nehmen, das ausschließlich Tatsachen eines Denkstils publiziert
und für Fachleute geschrieben ist (die zum exoterischen Kreis
eines wissenschaftlichen Denkkollektivs gehören können). Fleck
macht mit den genannten Publikationswegen deutlich, dass „den
Schichten des wissenschaftlichen Kollektivs (...) besondere Formen
wissenschaftlichen Denkens“
entsprechen (Zeitschrift, Lehrbuch, populäres Buch).
Zusammenfassend
lässt sich zur „Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv“ sagen,
dass Wissen, Tatsachen und Wahrheit durch die Denkstile, die ein
Mensch hat, geprägt sind (konstruktivistische Sichtweise), dass
durch die Zugehörigkeit zu Denkkollektiven ein entsprechender
stilgemäßer Denkzwang besteht (soziologische Sichtweise) und
dass die Wissens- und Tatsachenbestände eines
Denkstiles/Denkkollektives auf dessen Entwicklung in der Zeit
sowie auf Urideen basieren (historische Sichtweise). Damit
widerspricht Fleck begründet einer rationalen Perspektive
hinsichtlich des Entstehens von Wissens.
Ludwik
Flecks Hauptveröffentlichung 1935 in Basel hatte nur einen
geringen Leserkreis, obwohl er sie in deutscher Sprache verfasste.
Dies mag daran liegen, dass „die Rezeptionsbedingungen für die
Veröffentlichung des unbekannten polnischen Juden 1935 äußerst
ungünstig“ waren, wie Lothar Schäfer und Thomas Schnelle in
der Einführung der Monographie Flecks schreiben.
Es mag sein, dass seine Arbeit für die philosophische Sichtweise
jener Zeit zu früh erschien, er also Gedanken formulierte, die
noch nicht in Mode waren oder gedacht werden konnten – oder dass
aus soziologischer Sicht seine Gedanken zu spät kamen, da sie
bereits von anderen ausführlicher dargestellt wurden.
Erst mit Erwähnung der Fleckschen Monographie durch Thomas S.
Kuhn im Vorwort seines Werkes „Die Struktur wissenschaftlicher
Revolutionen“
wurde seine Arbeit international bekannt (und dies, obwohl Kuhn
nur das deutschsprachige Exemplar in Händen hielt, so dass er den
gesamten Aufbau der Theorie nur schwer überblicken konnte ).
Häufig wird deshalb das Theoriegebäude Ludwik Flecks im
Zusammenhang mit der Paradigma-Theorie Kuhns behandelt.
Baldamus machte mit einem Artikel in der Monographie „The
Structure of Sociological Inference“ von 1976 noch einmal
explizit auf die Monographie aufmerksam.
Im deutschsprachigen Raum widmete sich vor allem Thomas Schnelle
dem Leben und Werk Flecks. Für seine Dissertation
nahm er Kontakt mit Zeitzeugen Flecks auf und übersetzte seine
polnischsprachigen wissenschaftstheoretischen Artikel ins
Deutsche. Dadurch wurde eine wissenschaftliche Diskussion ermöglicht,
die noch heute auf die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv Ludwik
Flecks zurückgreift. Beispiele dafür sind z.B. die Tagung „Between
constructivism and realism: The legacy of Ludwik Fleck“ (3. –
4. Juni 2002 im Wissenschaftsforum Berlin) und der Workshop
„Denkstilkontroversen“ im Rahmen der Ausstellung „... was überhaupt
möglich ist - Zugänge zum Leben und Denken Ludwig Flecks im
Labor der Moderne“ (4. – 5. Juni 2004 am Collegium Helveticum
der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich). Es
existieren zahlreiche Darstellungen Flecks epistemologischer
Arbeit
sowie kritische Auseinandersetzungen mit seinen
wissenschaftstheoretischen Überlegungen .
Die einst wenig beachtete Arbeit Ludwik Flecks hat eine
kontinuierliche Aufnahme in wissenschaftliche Diskussionen
gefunden.
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Dieser Text ist ein Auszug aus: Brühe, Roland; Theis, Sabine:
Denkstile und professioneller Pflegeprozess. Saarbrücken 2008
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